If paradise is half as nice #7

Aug 7, 2017
If paradise is half as nice #7

Zwischen Liebe und Schutt entsteht Kunst

Kaputte Fenster, altes rotes Mauerwerk. Hier lebt und vergeht Geschichte. In der ehemaligen Nudelfabrik in Zeitz. Der Verfall nagt an dem Gebäude, dass ich so nahtlos in die Ruinenlandschaft von Zeitz einreiht.

Lange stand das Gebäude leer, verfiel mehr und mehr. Dann kam Mathias Mahnke. Der Investor aus Heidelberg hat ein Faible für alte Gebäude. „Solche Gebäude haben eine ganz eigene Ästhetik, ein bisschen rauer, ein bisschen brutaler“, erklärt Mahnke, „Und auch die Dimensionen sind größer, das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.“ Nicht das erste Mal kauft Mahnke geschichtsträchtige Gebäude und füllt sie mit seinen Visionen. So gehören ihm auch die Ditzoldwerke im Leipziger Westen, die nun als Alteriere Künstlern und Kreativen offen stehen.

Nun ist Mahnke also auch Besitzer des 13.000 Quadratmeter großen Geländes der Nudelfabrik an der Ecke Neue Werkstraße / Paul-Roland-Straße. Das Gebäude ist groß, teilweise stapeln sich fünf Stockwerke übereinander. Die Räume sind riesig und säulendurchzogen. Von einem Ende kann man das andere Ende kaum erkennen. Nicht alle Wände tragen, manche haben Bruchstellen, manchmal kann man durch Löcher im Boden ein Stockwerk nach unten gucken. Aber baufällig ist das Gebäude nicht.

Auch ist unbewohnt. Seit Anfang Juli wohnen hier zehn Menschen. Zehn niederländisch-deutsche Künstler. Drei Frauen und sieben Männer. Alle zwischen 35 und 45 Jahre alt. Sie wohnen nicht im Luxus, obwohl es hier Strom und Wasser gibt. Eine gute Voraussetzung für ihre Arbeit. Fünf Wochen wird die Künstlergruppe hier wohnen, selbst nennen sie sich „If paradise is half as nice“, oder kurz IPIHAN. Schon zum siebten Mal finden sich Künstler unter diesem Titel zusammen und arbeiten. Frei und ungezwungen. Und ohne räumlich Begrenzung. In den imposanten Räumlichkeiten findet jeder Inspiration und einen Raum zum Arbeiten.

Angefangen hat es im Jahr 2012

Angefangen hat alles mit Daan und Botlek und Pim Palsgraaf im Jahr 2012. Die beiden Künstler aus Rotterdam fuhren nach Leipzig, um sich neue Inspiration für ihre Arbeit zu holen und um in einem verlassenen Gebäude einen temporären Arbeitsplatz zu finden. Dabei standen immer die Fragen im Raum: Ist das Gebäude interessant genug? Wie kann man dort künstlerisch arbeiten? Wie kann man sich ausprobieren, was kann man nutzen? Tag für Tag schlichen sich die beiden Künstler an verlassene Orte bis sie einen fanden, an dem sie arbeiten wollten.

Was früher im Geheimen stattfand, geht heute offizielle Wege. Investor Mathias Mahnke hat die Künstler sogar eingeladen, in seinem Gebäude zu arbeiten. Dabei erscheint Strom und Wasser als luxuriös, denn zu Beginn arbeiteten die Künstler unentdeckt ohne Strom und Wasser. Dieses Jahr haben sie sich eine kleine Küche gezimmert. Eine offene Wohnküche mit Kochplatten, Kühlschrank und Geschirr. Rustikal und einfach.

Von der Decke platzt Farbe. In der Luft liegt Staub. Abwechselnd kommt jemand in die Küche und macht sich etwas zu Essen. Es mit Montag morgen. Halb 11 Uhr. Noch 18 Tage bis zur Eröffnung der IPIHAN #7. Inzwischen ist das Gebäude nicht mehr dreckig und mit Schutt gefüllt. In den meisten Räumen kann man den bunt gefliesten Boden sehen. Die Künstler sind angekommen, haben das Gebäude kennengelernt und sich eingerichtet. Manche schlafen in Zelten im Erdgeschoss, andere ein Stockwerk höher, ein anderer hat sich etwas abseits sein eigenes Bett aus alten Paletten und einer Matratze gebaut.

If paradise is half as nice #7

„Es ist der Platz, der einzigartige Raum als Herausforderung und die Freiheit ihn zu füllen. Das ist nicht nur intensiv, sondern auch spannend“, beschreibt Willem Besselink das Gefühl in der alten Nudelfabrik, die bis in die 90er noch als Möbelhaus genutzt wurde. Willem ist einer der zehn Künstler, Niederländer, 37 Jahre alt. Fünf Wochen ist er mit seinen Kollegen für sich. Da passiert was, meint Willem. Und es passiert einfach so. Ohne Plan, ohne Konzept, ohne Ausstellungsidee.

„Es geht uns darum, sich von dem Gebäude inspirieren zu lassen, die Geschichte zu erfahren, die überraschende Vielfalt der Industriebrache zu beeinflussen“; erklärt er seine Arbeit. „Wir kommen in unserer Arbeit zu ganz anderen Ergebnissen als sonst. In den Niederlanden ist es kaum möglich, frei und ohne Konzept zu arbeiten. Hier können wir das“, erklärt der Künstler. Inzwischen hat fast jeder seinen Arbeitsplatz gefunden. Manchen einen Sessel und einen Beistelltisch, andere haben sich einen richtigen Tisch gezimmert. Was in den fünf Wochen passiert, steht vor dem Einzug nicht fest. Manche haben eine Vorliebe für Licht und Installationen, andere nutzen nur Materialien, die sie in dem Gebäude finden.

Alles bleibt im Wandel, was schon zu sehen ist, bleibt nicht zwangsläufig bis zur Ausstellung so. Die Künstler tragen ihre Werke von einem zum anderen Raum, suchen einen geeigneten Platz, verwerfen Ideen und finden neue. Erste Eindrücke lassen sich in der Fotogalerie erkennen.

Die Künstler bringen Leben in die alte Nudelfabrik

Zwischen all dem Schutt, weggeworfenem Müll entsteht etwas. Etwas bringt Leben in das Gebäude, was während der Industriekulturtage in Leipzig wieder um die 500 Leute anziehen wird. Geplant sind Ausstellungen, Führungen, Performances, Performative Musik. Auch eine Vorlesung zum Gebäude wird es geben. Historiker Guus Vreeburg berichtet unter dem Titel Max Emmerling und seine Zeitzer Kinderzwieback- und Teigwarenfabrik – Das Fabrikgebäude an der Paul-Rohland-Straße in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von seinen Recherchen.

Ines Will, Referatsleiterin für Wirtschaftliche Entwicklung in Zeitz, ist gespannt, was in dem Gebäude passiert. Schon mehrfach wollte sie schauen, was in dem Gebäude vor sich geht, aber sie hielt sich zurück. „Ich warte bis zur Öffnung des Projekts, dann werde ich mir das Ergebnis angucken“, sagt sie.

Da die Stadt Zeitz selbst fast keine Flächen hat, muss jetzt geguckt werden, was mit den vielen Industriebrachen passiert. Diese sollen laut Stadtentwicklungskonzept mit entwickeln werden. „Weil wir so viele Brachen haben, haben wir vor zwei Jahren eine Studie in Auftrag gegeben. Wir wollten wissen, was auf uns zukommt, wenn wir die Flächen inzentiv entwickeln“, so Will. Das Ergebnis waren Handlungsempfehlungen für die Innenentwicklung der Stadt Zeitz. Dabei wurden zwei Optionen errechnet: Abbruch und Sanierung. Vor dieser Frage steht auch die Nudelfabrik.

Es steht noch nicht fest, was nach dem der IPIHAN #7 Projekt mit dem Gebäude geschehen wird. Mathias Mahnke hat neue Ideen. Ähnlich wie in Leipzig könnte er sich eine künstlerische Nutzung vorstellen, er möchte sich auf jeden Fall für den Erhalt des Gebäudes einsetzen.